Eine Emailanfrage aus Sommer 2013

 

grüß Gott
 
 ich bin ein junger praktizierender Katholik und wie man wohl gerne sagen würde : erzkonservativ/reaktionär/ultrakonservativ/fundamentalistisch - das ganze rechte Programm eben.ich habe auch nichts gegen eine solche Klassifizierung durch andere weil ich zu meinen Überzeugungen stehe.
 
 nun habe ich zufällig davon erfahren dass bei mir in der nähe regelmäßig "Gottesdienste" für menschen mit homosexueller Veranlagung stattfinden.ich gehe mal davon aus dass dies eine eucharistiefeier sein wird.leider verstehe ich überhaupt nicht warum homosexuell veranlagte menschen eigene Gottesdienste brauchen?fühlen sie sich denn bei normalen messen nicht wohl oder gar ungrecht behandelt?steht auf ihrer Stirn:schwul und wird ihnen deshalb der leib des Herrn nicht gespendet?oder wollen sie einfach unter sich sein und die messe so gestallten wie sie ihrer Veranlagung entspricht (was angesichts der berühmt berüchtigten homo Paraden durch die Straßen der welt doch sehr verstörend wirkt und "wenig" mit der 2000 jahre alten liturgietradition der kirche zu tun hat).
 
 ich habe persönlich gar nichts gegen homosexuell veranlagte menschen nur würde ich sie gerne besser verstehen.denn die kirche sagt ja ganz klar wie menschen mit einer solchen Veranlagung leben sollen um ein gottgefälliges leben zu führen.
 
 wird bei ihren Gottesdiensten dann auch das gepredigt was die kirche zum Thema Homosexualität lehrt ( dh. zölibatäres leben wie bei allen unverheirateten) oder ist es nur die Möglichkeit sein eigenes ungeordnetes sexualverhalten als okay bestätigt zu bekommen?
 
 wie sieht es mit dem besuch der Gottesdienste aus.sind es eher menschen die versuchen nach den vorgaben gottes und seiner kirch e zu leben oder menschen die offenkundig nicht danach leben.
 
 ich würde mich sehr über eine rückmeldung von ihnen freuen
 
 ihr bruder in jesu christo


Lieber Herr Musta,
 
 danke für Ihre Fragen zu unserem Gottesdienst, die ich gern versuchen will, zu beantworten.
 
 Warum brauchen homosexuell veranlagte Menschen denn eigene Gottesdienste? Diese Frage wird immer wieder gestellt. Dabei wird aber übersehen, daß es ganz selbstverständlich auch Gottesdienste für Kinder, für Jugendliche, für Eheleute und viele andere Zielgruppen gibt, bei denen ja nicht nur diese, sondern sämtliche Menschen zum Mitfeiern eingeladen sind. Auch der Queergottesdienst ist nicht exklusiv für Homosexuelle gedacht: Wir wollen keineswegs abgewandt und »unter uns sein«, sondern sind für alle Mitchristen offen.
 Was unseren Gottesdienst von »normalen« Messen unterscheidet, ist die ausdrückliche Akzeptanz, an der es sonst oft fehlt: In der Tat haben sich viele von uns schon in anderen Gottesdiensten unwohl gefühlt, weil sie nicht wußten, ob sie dort auch dann noch angenommen wären, wenn ihre – oft verheimlichte – Homosexualität bekannt würde. Manche haben in der Vergangenheit bereits schmerzhafte Zurückweisungen erfahren müssen, die ihr Vertrauen in ihre Pfarrgemeinde nachhaltig erschüttert haben. Oder sie fühlen sich einfach unter all den Ehepaaren und Familien fremd und allein.
 Doch auch die Spiritualität Homosexueller sucht stets nach einer Gemeinschaft, wo man sich weder für das eigene religiöse Leben noch für seine Homosexualität rechtfertigen muß. Wir sind davon überzeugt, daß der Heilige Geist uns zusammenführt und im Glauben eint.
 Die Gemeinschaft unserer Gottesdienste bietet einen Freiraum, der die eigene Spiritualität zuläßt und angstfrei für alle ist; er läßt erfahren: Die anderen sind auch homosexuell, und sie sind auch religiös-spirituelle Menschen.
 
 Ob wir wir die Messe gestalten, »wie sie unserer Veranlagung entspricht«? – Was für Bilder haben Sie da im Kopf?
 Sie dürfen mir glauben, der/die durchschnittliche Homosexuelle ist so normal und unauffällig wie jeder andere Mann oder jede andere Frau auch. Genau so und nicht anders gestalten wir unsere Gottesdienste. Auch wir versuchen, auszudrücken und vor Gott zu bringen, was uns bewegt und wissen uns darin aufgehoben in der lebendigen Liturgietradition der Kirche, die sich in den letzten 2000 Jahren sehr wohl immer wieder gewandelt hat, ohne ihren Wesenskern zu verlieren.
 In diesem Jahr haben Sie die Gelegenheit dazu in München zwar schon verpaßt, aber: Schauen Sie sich eine der »berühmt-berüchtigten Homo-Paraden durch die Straßen der Welt« doch ruhig einmal aus nächster Nähe an! Sie werden feststellen, daß dort auch viele Menschen wie Du und Ich anzutreffen sind, und nicht nur die betont extravaganten Schaufiguren, auf die die Medien ihr Schlaglicht richten. Es würde Ihnen sicher nicht einfallen, sich z.B. einen Kölner nur nach dem vorzustellen, was Sie vom Rosenmontagszug im Fernsehen sehen. Ebenso wäre es nur gerecht, bei Homosexuellen die bunte Vielfalt der CSD-Umzüge als Ausdruck offensiver Daseinsfreude zu akzeptieren, ohne daraus abzuleiten »Die sind immer so«.
 
 In unseren Gottesdiensten wird das Wort Gottes in all seiner Fülle gepredigt. Wir haben noch nie jemanden zu »ungeordneter Sexualität« ermuntert.
 Wir erfahren uns in unserer Arbeit einig mit unserem Papst Franziskus, der eben jetzt ausdrücklich gesagt hat: »Wenn jemand homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich da, um über ihn zu richten?«
 Selbstverständlich versuchen die Menschen, die zu unseren Gottesdiensten kommen, »nach den Vorgaben Gottes und seiner Kirche zu leben«. Wie Sie aber ganz richtig schreiben: »versuchen« – denn es kann ja keiner von sich behaupten, dies immer zu hundert Prozent zu schaffen.
 Nichtsdestotrotz stehen wir auch Menschen, die offenkundig anders leben, stets als Gesprächspartner zur Verfügung und sind dabei immer wieder froh, wenn es uns gelingt, auch bei ihnen das Interesse am christlichen Glauben zu wecken und alte Feindbilder ein wenig aufzuweichen.
 
 Ich hoffe, Ihnen mit meiner Auskunft behilflich zu sein und möchte Sie ermutigen, im Vertrauen auf den Heiligen Geist die Vielfalt christlichen Glaubenslebens zu ertragen.
 
 Mit freundlichen Grüßen
 

 Queergottesdienst-Team  München