Hoffnung auf Versöhnung

Predigt von Michael Brinkschröder am 10. November 2019

// Liebe Geschwister in Christus,

mein Vater ist Zeit seines Lebens ein regelmäßiger Kirchgänger gewesen. Erst in den letzten Jahren kommt es ab und zu vor, dass er aus gesundheitlichen Gründen am Sonntag mal nicht zum Gottesdienst gehen kann. Und doch hat er mir in einer stillen Stunde gesagt, dass er an die Auferstehung von den Toten nicht glauben kann. Dieses Bekenntnis hat mich ziemlich verwirrt. Ich war überrascht und habe das als Widerspruch zu seiner religiösen Praxis gesehen: Wieso nimmt er am kirchlichen Leben teil, wenn er an das zentrale „Geheimnis des Glaubens“ gar nicht glaubt? Hat sich das erst spät im Alter so herauskristallisiert oder war dieser Zweifel bei ihm immer schon vorhanden? Wieso hatte er keinen Zugang zum Glauben an die Auferstehung? Ich glaube, dass ich meinem Vater damals wohl keine Antwort geben konnte, die ihn überzeugt hätte.

Wie steht es also um den Glauben an die Auferstehung? Wie ist er entstanden und wie können wir ihn verstehen?
Bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. gibt es in den Schriften des Alten Testaments keine Vorstellung von einer Auferstehung der Toten. Man glaubte, dass die Toten aus ihren Gräbern in das Totenreich, die Scheol, hinabsinken, wo sie kraftlos vor sich hinvegetieren, ohne dass sie irgendetwas bewirken könnten. Sie führen eine jämmerliche Existenz und sehnen sich zurück nach dem Leben.
Ein dramatisches Ereignis in der Geschichte des jüdischen Volkes hat dies verändert. Im Jahr 167 v. Chr. hat der seleukidische König Antiochus IV. Epiphanes Jerusalem überfallen, den Tempel geplündert und entweiht und die Ausübung der jüdischen Religion verboten: keine Beschneidung, kein Sabbat und kein koscheres Essen. Die Lesung aus dem 2. Makkabäerbuch erzählt eine Legende aus dieser Zeit: Der König wollte eine Mutter und ihre sieben Söhne zwingen, Schweinefleisch zu essen, was bekanntlich im Judentum zu den unreinen Speisen gezählt wird, die nicht koscher sind. 
Jetzt könnte man sich natürlich sagen, nur weil ich Schweinefleisch essen soll, opfere ich doch nicht mein Leben. Aber diese Mutter und ihre Söhne sahen darin einen Angriff auf die Integrität ihrer Religion und damit ihrer Identität. Deshalb sind sie eher bereit, das Martyrium auf sich zu nehmen, als die Gebote Gottes zu übertreten. Sie sind zu ihren erstaunlich mutigen Taten imstande, weil sie davon überzeugt sind, dass sie nach dem Tod von Gott zum ewigen Leben auferweckt werden:
Die Brüder reden sich Mut zu: „Gott, der Herr, sieht und gewiss hat er Erbarmen mit uns.“ Der zweite bekennt: „der König der Welt wird uns zu einem neuen, ewigen Leben auferstehen lassen, weil wir für seine Gesetze gestorben sind.“ Der dritte hofft, dass er die Zunge, die ihm abgeschnitten wird, von Gott wiederbekommen wird und der vierte Bruder, mit dem unsere Lesung endet, sagt: „Gott hat uns die Hoffnung gegeben, dass er uns auferstehen lässt. Darauf warten wir gern, wenn wir von Menschenhand sterben.“
Der Verfasser des 2. Buchs der Makkabäer führt die Bereitschaft zum Widerstand gegen den seleukidischen König, der die Bereitschaft zum Martyrium einschließt, auf den Glauben an die Auferstehung von den Toten zurück. Wenn Gott eine Gottheit ist, die Erbarmen hat mit denen, die für ihren Glauben an sie ihr Leben opfern, dann darf ihr Tod nicht das letzte Wort haben. Dann muss es eine neue Zukunft geben, in der und durch die die Gottheit Gerechtigkeit herstellt. 

Nicht alle Gruppen im Judentum haben damals diesen Entwicklungsschritt des Glaubens mitgemacht. Während die Pharisäer, die Essener und später die Christen den Glauben an die Auferstehung teilten, haben sich die Sadduzäer, d.h. die Fraktion der führenden Priesterfamilien, dieser Innovation nicht angeschlossen. Und damit befinden wir uns in der Konstellation des heutigen Evangeliums. Auch hier geht es um sieben Brüder, die einer nach dem anderen sterben. Sie verbindet jedoch nicht das Martyrium, sondern dass sie alle mit der gleichen Frau verheiratet waren und kinderlos starben. Dadurch waren sie verpflichtet, mit der Frau ihres jeweils älteren Bruders eine Leviratsehe einzugehen, um diesem Nachkommen mit ihr zu zeugen. 
Die Sadduzäer fragen Jesus nun: „Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt.“ Ungefähr 200 Jahre nach der „Erfindung“ des Auferstehungsglaubens befinden wir uns jetzt in einer Situation, in der die Menschen anfangen, sich konkret auszumalen, wie das Jenseits aussehen wird und wie es ausgestaltet ist.
Doch die Antwort Jesu fällt sehr nüchtern und ernüchternd aus: „Die gewürdigt werden, (…) an der Auferstehung der Toten teilzuhaben, heiraten nicht, noch lassen sie sich heiraten.“ Wie ist das zu verstehen?
Ein Buch des evangelischen Theologen Klaus-Peter Jörns trägt den schönen Titel „Liebe kann man nicht begraben“. Liebe wird von einer Sehnsucht nach dem Anderen getragen, die über den Tod hinaus bestehen bleibt. Wir wünschen uns doch vermutlich alle, dass wir unsere Lieben, die verstorben sind, im Himmel wiedersehen und wieder mit ihnen vereint sind. Mehr noch als der Mut zum Bekenntnis ist daher für viele von uns heute die Liebe, die über den Tod hinaus weiterbestehen möchte, der näher liegende Zugang zur Auferstehung. Wir glauben, dass unserer Sehnsucht nach einem Wiedersehen eine Wirklichkeit entspricht, die Gott für uns bereithält und die uns tröstet.
Aber warum sagt Jesus dann, dass man dort oben nicht heiratet und frau nicht geheiratet wird? Wäre es nicht möglich, sich vorzustellen, dass die Frau im Himmel mit ihren sieben Männern gemeinsam – ohne Eifersucht – glücklich ist? Aber vielleicht ist sie ja ohnehin nie gefragt worden, wen sie eigentlich gerne heiraten möchte, sondern ist gemäß den patriarchalen Sitten ihrer Zeit einfach immer wieder verheiratet worden, wobei Männer über sie bestimmt haben.
Ich denke jedoch, dass es Jesus vor allem darauf ankam zu sagen, dass es „in jener Welt“ keine Ehe mehr geben muss, weil es dort nicht mehr nötig sein wird, Kinder zur Welt zu bringen, weil schon alle, die dort sind, zu „Kindern Gottes geworden sind“. Weil man dort nicht mehr sterben kann, müssen keine Kinder mehr geboren werden und deshalb braucht es auch keine Eheschließungen. Jesus spricht sich hier also nicht gegen die Vorstellung aus, dass die Liebe nach dem Tod wieder ihre Erfüllung findet, denn, um das Evangelium mit einem kleinen Jota zu variieren: Gott „ist doch kein Gott von Toten, sondern von Liebenden.“

Wir sind gewohnt uns vorzustellen, dass alle Menschen von den Toten auferweckt werden. Aber unsere Lesungen haben da offensichtlich eine andere Vorstellung. Der vierte Sohn aus der Lesung sagt zu seinem Peiniger klipp und klar: „Für dich aber gibt es keine Auferstehung zum Leben.“ Das heißt: Du hast deine Chance in diesem Leben gehabt. Weil du sie verspielt hast, gibt es für dich keine Zukunft. Bei dir ist mit dem Tod alles aus.
Auch Jesus lässt Zweifel daran zu, ob tatsächlich alle Menschen auferstehen werden. Denn wir wissen nicht, ob seine Formulierung, „die gewürdigt werden, an jener Welt und an der Auferstehung von den Toten teilzunehmen“, sich auf alle Menschen bezieht oder ob es Menschen gibt, die dessen nicht gewürdigt werden.
Dieser Unterschied lässt sich religionsgeschichtlich dadurch erklären, dass es zwei verschiedene Arten gab, wie man sich das göttliche Gericht über die Toten vorgestellt hat. Eine Richtung ist davon ausgegangen, dass es unmittelbar nach dem individuellen Tod geschehen würde. Dann setzt die Auferstehung von den Toten bereits das positive göttliche Urteil voraus, das negative Urteil heißt dann „der Auferstehung nicht würdig“. Eine andere Vorstellung betrachtete das Jüngste Gericht als ein universales Geschehen am Ende von Welt und Zeit. Zu dessen Beginn würden alle Menschen aus ihren Gräbern auferstehen, ungeachtet ob sie in ihrem Leben gut oder böse, Täter oder Opfer waren.
Und damit stehen wir vor der Frage, wie wir uns das Jüngste Gericht vorstellen? Für viele ist es wahrscheinlich ein furchteinflößender Gedanke, mit allen Verfehlungen gesehen zu werden. Und dann wird in einem Moment ein Urteil gefällt, gegen das es keine Berufungsmöglichkeit mehr gibt. Ich kann mir das Jüngste Gericht aber nicht als einen Moment vorstellen, sondern nur als einen langen Prozess, indem Gott nicht das Urteil fällt, sondern die Menschen so stimmt und zueinander führt, dass sie sich miteinander auf einen Weg der Versöhnung begeben können. Nicht Gott entscheidet dabei, ob und wann die Opfer ihren Tätern vergeben können, sondern die Opfer selbst entscheiden, ob und wann sie zur Vergebung bereit sind. Für die Täter wird das gewiss bedeuten, dass sie durch ein Fegefeuer gehen müssen, bis ihnen verziehen wird. Das Ganze kann nur gelingen, wenn daran alle Menschen aus allen Zeiten gemeinsam mitwirken. Und so ist für mich die Auferstehung von den Toten mit der Hoffnung verbunden, dass es in jener Welt irgendwie eine Versöhnung unter den Menschen geben wird.

Gerechtigkeit für die Mutigen, die ihr Leben geopfert haben, die Sehnsucht danach, die geliebten Menschen wiederzusehen und mit ihnen wieder vereint zu sein und die Hoffnung auf eine Versöhnung der Menschen untereinander – dies sind drei verschiedene Zugänge zum Glauben an die Auferstehung. 
Für wen dies aber immer noch ein zu steiler Gedanke ist, auf den man nur mit Skepsis reagieren kann, für den oder die kann es vielleicht eine Brücke sein, dass die Auferstehung von den Toten ja doch zunächst und vor allem eine Hoffnung ist – die Hoffnung darauf, dass Mut, Liebe und Versöhnung eine Chance haben. – Amen

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