“Teilnehmen am Fest des Lebens” – Predigt über Mt 25,1-13 von Wolfgang Scheel im queerGottesdienst am 8. November 2020

// Liebe Queergemeinde,

da sitzt da so ein super sympathischer Typ/ eine so super sympathisch Typin neben Dir. Es entwickelt sich sogar ein Gespräch, die Hormone vibirieren im Körper, und dann muss er/sie gehen. Jetzt kommt es drauf an: Und leider – es fehlt der Mut, den nächsten Schritt zu tun.

Nämlich: Nach der Telefonnummer oder Mail zu fragen oder wenigstens eine Karte mit der eigenen weiterzugeben.

Dabei ist ja eigentlich klar: Schlimmer, als eine Abfuhr zu erhalten, kann es ja gar nicht kommen.

Aber: Dann ist der Traumprinz/die Traumprinzessin weg. Keine Chance mehr. Eine vertane Chance. Leider zu spät, um noch etwas zu ändern.

So ein „zu spät“ stellt auch der israelische Film „Yossi und Jagger“ aus dem Jahr 2002 dar. Kurze Erzählung des Films: Yossi und Jagger sind ein schwules Paar, will sich nicht outen. Jagger ist enttäuscht. Als nach einem Armee-Einsatz Yagger im Sterben liegt, ist es zu spät für ein offenes gemeinsames schwules Leben.

Auch hier leider ein „zu spät“, das nicht mehr zu ändern ist. Hier bedeutet sogar der Tod weltlich endgültig das „zu spät“.

Da kommen wir dann einem Kernpunkt des heutigen Predigttextes aus dem Matthäus-Evangelium, dem heutigen Gleichnis, sehr nah.

Durch den Schluss des Gleichnisses veranschaulicht Jesus, das es ein „zu spät“ geben kann, am Ende im Tod, vor allem aber auch im Leben. Das Bild, das Jesus im Gleichnis hierfür verwendet, ist die sich schließende Tür, die aber eigentlich zu einer Feier, also zu einer sehr schönen Lebenserfahrung, führt.

Zugegeben teilt Jesus Christus uns in diesem Gleichnis eher eine harte Botschaft mit. Er will uns damit aber nicht Angst machen vor dem „zu spät“, vor der endgültig geschlossenen Tür, sondern will unseren Lebensmut und unsere Lebensenergie wecken. Er will uns helfen, dass auch unser Leben zu einem Fest werden kann, denn die Tür zu einem Fest, zu einer großen Feier ist lange geöffnet – im Gleichnis und im Leben.

In diesem Sinne haben die 5 klugen Frauen ihre Lebenszeit genutzt, sind aktiv geworden. In Sprache und Bild des Gleichnisses kümmern sie sich um das Öl für ihre Lampen. Ihnen steht die Tür zum Fest offen, das ihr Leben prägt und wertvoll macht.

Die anderen 5 Frauen lassen unachtsam ihre Lebenszeit verstreichen. Letzteres ist – bezogen gerade auch auf unsere queere Lebenswelt – damit zu vergleichen, dass jemand
– es in seinem Leben immer wieder aufschiebt, sich zu seinem Queersein innerlich und äußerlich durch ein Outing zu bekennen,
– es immer wieder aufschiebt, jemand anzusprechen, jemand, für den man/frau Gefühle spürt, nach der Telefonnummer zu fragen oder wenigstens die eigene zu geben.

Die 5 unklugen Frauen merken im Gleichnis irgendwann noch, wieviel Lebenszeit sie vertan haben, aber es ist zu spät, als sie endlich das Öl gekauft haben. So wie es zu spät ist, als Yossi seinem sterbenden Freund alles verspricht, worum der so lange gebeten hat: einschließlich einem gemeinsamen Outing. Aber kurz darauf stirbt dieser in seinen Armen.

Gerade der liturgische Ort des Monats November in der katholischen wie der evangelischen Kirche und dazu passend unser heutiges Gleichnis sollen uns an das Sterben und den Tod erinnern:
– an unsere Lieben, die verstorben sind;
– aber auch an unsere eigene Sterblichkeit und unseren eigenen Tod.

Wir werden dadurch daran erinnert, dass unsere Lebenszeit begrenzt und knapp ist und wir sie klug füllen und gestalten sollen – wie die 5 klugen Frauen in unserem Gleichnis. Die Zeit klug zu füllen – heißt auch, in der Gegenwart Gottes zu leben, mit Gott an jedem Tag seines Lebens zu rechnen und das Fest des Lebens über den Tod hinaus feiern zu können – im ewigen Leben bei Gott.

Mit Gott an jedem Tag seines Lebens zu rechnen, schließt dann ein, mit Gottes Liebe an jedem Tag zu rechnen und sie zu leben. Und das bedeutet auch: seine schwule, lesbische oder bisexuelle Liebes-Fähigkeit und Lebensenergie zu leben oder als Transperson seinen wahren Körper zu entfalten, so wie es eben zu einem passt.

Und ganz konkret bedeutet es, dies jetzt zu tun, es nicht auf die spätere Zeit oder auch nur das nächste Jahr zu verschieben. Auch jetzt schon Schritte zu gehen,
* nicht indem man sich unter Druck setzt, * aber schon mutig, weil Gottes Liebe Mut macht und in Bewegung setzt, neues Terrain auszutesten, das Leben mehr und mehr von einem Gefängnis zu einem Fest werden zu lassen.

Zwei Beispiele dafür, wie Menschen sich rechtzeitig haben in Bewegung setzen lassen und rechtzeitig die Kurve bekommen haben, möchte ich in Fortsetzung der beiden Geschichten vom Anfang der Predigt erzählen:

So bekommt der Film Yossi und Jagger nach 10 Jahren eine Fortsetzung: Kurze Erzählung. Derselbe, gealterte Schauspieler für Yossi. Bekommt eine neue Chance: Verliebt sich wieder in einen Soldaten. Nach langen Kämpfen schafft er‘s endlich, und es löst sich jetzt seine innere Blockade zum Outing. Empfehle Euch beide Filme, auch wenn ich das Happy End jetzt schon verraten habe.

Und in der zweiten, realen Geschichte vom Predigtanfang hat derjenige, der fast seinen Traumprinz verloren hätte, weil er keine Kontaktdaten ausgetauscht hatte, auch noch und recht schnell “die Kurve bekommen“: Als dieser schon den Raum verlassen hatte, hielt ihn plötzlich auch nichts mehr auf seinem Platz …
Er lief ihm hinterher und erwischte ihn grad noch. Telefonnummern wurden ausgetauscht, und daraus wurde tatsächlich eine langjährige Beziehung.

Ja, auch wenn es im Leben ein „zu spät“ geben kann: Zum Glück bedeutet nicht gleich jede kleine Mutlosigkeit, jedes Nicht-Trauen ein zu spät. Gott gibt uns sehr oft neue Chancen für ein Happy End. Die Tür steht lange offen.

Je früher wir aber die Chance ergreifen, je früher wir durch die noch geöffnete Tür gehen, desto länger können wir schon auf dieser Welt am Fest des Lebens teilnehmen und es genießen – ein Fest des Lebens, das bei Gott in der Ewigkeit bestehen bleibt.

Amen

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