Vom Sehen zum Glauben kommen. queerPredigt von Gerhard Wachinger am 2. Sonntag nach Ostern, 11. April 2021

// Caravaggio und sein Bild. Was sehen wir? 

Der Blick geht unweigerlich vom Dunkel zum Hellen, von den drei Jüngern zu Jesus, vom Finger zur Wunde. Was suchen sie darin, wozu muss Thomas den Finger reinstecken? Angestrengt mit zahlreichen Stirnfalten und einem fixierten Blick, abgestützt in der Hüfte starrt Thomas darauf. Die anderen Jünger folgen dem Blick mit einem Interesse wie an einem Operationstisch. Und Jesus? Ist ganz aufmerksam, mit einer Engelsgeduld dabei, er öffnet mit der Rechten leicht sein Gewand, um sich ein wenig zu entblößen und führt mit der Linken die Hand des Thomas. Er führt sie ganz behutsam, so als könnte leicht eine Verletzung entstehen. Bei ihm selbst? Oder bei Thomas, der wie in Zeitlupe vordringt. Die Szene lotet die Grenzen aus zwischen Glauben und Wissen, zwischen Sehen und Spüren, zwischen Erkenntnis und Erotik. 

Michelangelo Merisi da Caravaggio: Der ungläubige Thomas (1601-1602), Bildergalerie Schloss Sanssouci, Potsdam

Im Film „God´s own country“, Gottes eigenem Land, gibt es eine Szene, die etwas ähnliches beschreibt. Der englische Viehzüchter John verbringt einige Tage und Nächte mit dem rumänischen Wanderarbeiter Gheorghe auf der Hütte und möchte ihn eines Nachts gern berühren, findet aber keine Form dafür. Gheorghe muss ihm die Hand führen, damit eine zärtliche Berührung zustande kommen kann. Dort führt sie nach und nach zum Sex zwischen den beiden Männern, in unserem Fall führt sie zum Glauben. 

Die Hand muss geführt werden, damit Thomas in Jesu Nähe findet. Das Lied „O Herr, nimm unsere Schuld, mit der wir uns belasten, und führe selbst die Hand, mit der wir nach dir tasten,“ beschreibt diese Unsicherheit. Auf dieser Suche befindet sich Thomas.

Hier ist ins Bild gefasst das sich Ausstrecken, das Tasten nach, das Greifen nach Christus. Thomas hat selbst eine Wunde, nicht an seinem Leib, aber an seiner Kleidung. Der Riss am Oberarm deutet seine Verletzung an, seinen fehlenden Glauben an den Auferstandenen. Er genügt nicht sich selbst, er braucht die Berührung. Jesus lässt es gelten. 

Wie schwer tun sich Menschen, zum Glauben zu kommen. Eigentlich wollen der Text und das Bild davon sprechen. Wie schwer finden Menschen zum Glauben. Denn durch Penetranz lässt sich Glaube nicht erzwingen. Der Text lässt offen, ob Thomas Jesus wirklich berührt, vielleicht genügt ihm die Aufforderung Jesu, es zu tun. Caravaggio geht diesen entscheidenden Schritt weiter und lässt Thomas in Jesus eindringen. Wer bist du, ich möchte es genau wissen. Wissen erzwingt keinen Glauben, Macht erzwingt keine Liebe. 

„Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“. L`essentiel est invisible pour les yeux. Diese Einsicht aus dem kleinen Prinzen ist zentral v.a. für die Ostergeschichten. Die Freundschaft zwischen dem Fuchs und dem kleinen Prinzen lässt sich nahtlos übertragen auf Jesus und Thomas. 

Thomas von Aquin, der Namenspatron unseres Vorstehers heute, formuliert es so: „Jesus, den verborgen jetzt mein Auge sieht, stille mein Verlangen, das mich heiß durchglüht: Lass die Schleier fallen einst in deinem Licht, dass ich selig schaue, Herr, dein Angesicht.“ 

Möge Thomas diesen Glauben finden. Möge er vom Sehen zum Glauben kommen. Möge Thomas Jesus nicht mehr berühren, sondern in sich aufnehmen, so wie wir es tun im heiligen Mahl.

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